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# 14. Dezember

Manja, du Glückpilz! Ich gratuliere dir von ganzem Herzen!

 

PS: Für alle anderen: Nicht traurig sein, die nächste Verlosung kommt schon bald......;)

Gebete haben Flügel

 

Es waren einmal zwei Engel, die vom Himmel herab flogen und sich in der Stadt Kailas auf den höchsten Ast eines großen Nadelbaumes niederließen. Es war eine wunderschöne Mondnacht und auf den umliegenden, schneebedeckten Hügeln und in den Tälern herrschte Stille und ein silberner Friede. Die Engel blickten umher und bemerkten von Zeit zu Zeit Flügel, die in der ruhigen Bergluft himmelwärts flatternd entschwanden.

 

"Wer mögen diese geflügelten Geschöpfe sein? Und wo mögen sie hinfliegen?" fragte ein Engel den anderen.

 

"Dies sind die Gebete der Menschen, die auf dieser Erde leben, und sie fliegen alle in den Himmel, um vor den Thron von Brahman, den Schöpfer des Universums, zu kommen", antwortete dieser.

 

"Hast du bemerkt, wie hübsch manche von ihnen sind?" fragte der erste Engel.

 

"Ja, aber die meisten sehen ganz gewöhnlich aus, und einige sind sogar richtig hässlich", antwortete der zweite. "Komm, folgen wir ihnen und sehen wir, wohin sie fliegen." So breiteten also die Beiden ihre Flügel aus und flogen den flauschigen Wolken über ihnen entgegen. Höher und höher flogen sie, und als sie empor stiegen, bemerkten sie, dass viele der dunklen und hässlichen geflügelten Geschöpfe nicht über die Wolken hinaus kamen, sondern zur Erde zurückfielen und dort starben. Dies waren die Gebete der selbstsüchtigen und geizigen Menschen, die um ihrer selbst Willen beteten, sogar wenn es zum Schaden anderer sein sollte. Andere Gebete, die zwar weniger hässlich waren, aber doch nicht gut genug, um höher hinaufsteigen zu können, durchbrachen die Wolken und schmolzen in der dünneren Luft dahin, wie Nebel im Morgenlicht. Die ehrlichen Gebete jedoch, die direkt aus den Herzen der guten und freundlichen Menschen kamen, stiegen höher und höher empor, über den Mond hinaus, und sogar über die entferntesten Sterne hinweg.

 

Als die Engel das Himmelstor erreichten, erblickten sie ein wunderschönes Wesen, mit durchscheinenden Flügeln, die wie Opale glänzten. Beim Näherkommen sahen sie, dass es ein Antlitz hatte wie ein unschuldiges Kind, so klar und rein, und dass sie nicht daran zweifeln konnten, dass es von einem einfachen und ehrlichen Herzen kam.

 

Die Engel durchschritten das Tor und traten in die Halle ein, wo sie mehrere schöne Geschöpfe vorfanden, von denen sich aber keines  mit jenem vergleichen ließ, das sie eben gesehen hatten. Sie betraten gemeinsam den Thronsaal, wo diese Wesen ihre Botschaften dem großen Gott Brahman überbrachten, und dann zu den Herzen zurückkehrten, die sie ausgesandt hatten. 

 

Zuerst trat ein Gebet mit perlfarbenen Flügeln heran, verneigte sich tief und sprach: "Oh großer Gott, ich bete, dass in meinem Land immer Wohlstand herrsche, so dass sogar die Ärmsten genug haben." Und Lord Brahman antwortete: "So soll es sein!" Und das Gebet stand still, während ein anderes seinen Platz einnahm.

 

Dieses betete um Mut und Weisheit, denn es kam aus dem mächtigen Herzen eines Kriegers, und auch ihm wurde sein Wunsch gewährt.

 

Viele andere folgten, aber keines von ihnen war auch nur halb so schön wie jenes, das die Engel am Tor gesehen hatten. Und gerade, als sie sich fragten, was mit ihm geschehen sein mochte, füllte sich der ganze Ort mit süßem Duft, und zarte Musik klang an ihre Ohren. Die Engel wandten sich um , um zu sehen, woher sie kommen mochte, und siehe da! Da stand es, jenes Gebet, an das sie eben gedacht hatten. Und es war sogar noch lieblicher und durchscheinender als zuvor.

 

Sich tief vor dem Thron Brahmans verneigend sprach es mit demütiger Stimme: "Oh Herr über alle Schöpfung, nimm meinen tiefsten Dank entgegen für all die unzähligen Wohltaten, die du mir gewährt hast." Brahman war über dieses Gebet so entzückt, dass der ganze Himmel mit Freude überflutet wurde. Die Sonne ging in all ihrer Pracht auf und Regenbögen tanzten in den göttlichen Himmeln. 

 

"Dieses Gebet muss von dem Herzen eines Königs kommen, oder zumindest von einem sehr reichen Mann, dem es an nichts fehlt. Denn sonst könnte er nicht ein solches Gebet herauf schicken", sagte der zweite Engel zum ersten. "Folgen wir ihm doch, und sehen wir, wohin es zurückkehrt."

 

So folgten also die beiden Engel dem Gebet, und zu ihrem größten Erstaunen führte sie das wunderschöne Wesen zur Hütte eines armen Betteljungen, der am Boden schlief, und schlüpfte schnell in sein Herz. Bald darauf erwachte der Knabe und lächelte.

 

"Ich würde ihn gerne auf die Probe stellen, um herauszufinden, wie er ein solches Gebet senden konnte", sagte der erste Engel zu dem zweiten. "So nehmen wir doch die Gestalt von zwei müden Wanderern an, und sprechen wir mit ihm." Sie verwandelten sich also in zwei Wanderer, die sehr müde und hungrig aussahen, und klopften an die Tür. Der kleine Junge kam heraus, empfing sie höflich und zuvorkommend und bot ihnen all die Früchte und Nüsse an, die er in vielen mühseligen Tagen gesammelt hatte. Als sie ihm aber ihr Mitleid aussprachen über seine traurigen Lebensumstände, lächelte er nur und sprach: "Ich habe vieles, für das ich dankbar sein muss, gute Herren, denn seht nur die Sonne , die mich den ganzen Tag lang wärmt, und die Vögel, die für mich singen. Auch die rauschenden Bäche klingen wie Musik in meinen Ohren und die sanften Winde streicheln mich in den Schlaf. Sogar ein König hat nicht mehr als ich. Und für all diese Freuden, und noch viele andere mehr, die der gute Gott mir gewährt, bin ich wahrhaft dankbar."

 

Die Engel blickten einander überrascht an, und den Jungen immer und immer wieder segnend, verabschiedeten sie sich. Als sie außer seiner Sichtweite waren, verwandelten sie sich wieder und flogen zurück zum Himmel, um dort diese Geschichte zu erzählen.

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